Wilhelm Hauff

Der junge Engländer

Der junge Engländer oder Der Affe als Mensch

(1827)

Im südlichen Teil von Deutschland liegt das Städtchen Grünwiesel, wo ich
geboren und erzogen bin. Es ist ein Städtchen, wie sie alle sind. In der Mitte
ein kleiner Marktplatz mit einem Brunnen, an der Seite ein kleines altes
Rathaus, umher auf dem Markt das Haus des Friedensrichters und der
angesehensten Kaufleute, und in ein paar engen Straßen wohnen die
übrigen Menschen. Alles kennt sich, jedermann weiß, wie es da und dort
zugeht, und wenn der Oberpfarrer oder der Bürgermeister oder der Arzt ein
Gericht mehr auf der Tafel hat, so weiß es schon am Mittagessen die ganze
Stadt. Nachmittags kommen dann die Frauen zueinander in die Visite, wie
man es nennt, besprechen sich bei starkem Kaffee und süßem Kuchen über
diese große Begebenheit, und der Schluß ist, daß der Oberpfarrer
wahrscheinlich in die Lotterie gesetzt und unchristlich viel gewonnen habe,
daß der Bürgermeister sich »schmieren« lasse, oder daß der Doktor vom
Apotheker einige Goldstücke bekommen habe, um recht teure Rezepte zu
verschreiben. Ihr könnet Euch denken, wie unangenehm es für eine so
wohleingerichtete Stadt wie Grünwiesel sein mußte, als ein Mann dorthin
zog, von dem niemand wußte, woher er kam, was er wollte, von was er lebte.
Der Bürgermeister hatte zwar seinen Paß gesehen, und in einer
Kaffeegesellschaft bei Doktors geäußert, der Paß sei zwar ganz richtig visiert
von Berlin bis nach Grünwiesel, aber es stecke doch was dahinter; denn der
Mann sehe etwas verdächtig aus. Der Bürgermeister hatte das größte
Ansehen in der Stadt; kein Wunder, daß von da an der Fremde als eine
verdächtige Person angesehen wurde. Und sein Lebenswandel konnte
meine Landsleute nicht von dieser Meinung abbringen. Der fremde Mann
mietete sich für einige Goldstücke ein ganzes Haus, das bisher öde
gestanden, ließ einen ganzen Wagen voll sonderbarer Gerätschaften, als
Öfen, Kunstherde, große Tiegel und dergleichen hineinschaffen und lebte
von da an ganz für sich allein. Ja, er kochte sich sogar selbst, und es kam
keine menschliche Seele in sein Haus als ein alter Mann aus Grünwiesel, der
ihm seine Einkäufe in Brot, Fleisch und Gemüse besorgen mußte. Doch auch
dieser durfte nur in die Flur des Hauses kommen, und dort nahm der fremde
Mann das Gekaufte in Empfang.

Ich war ein Knabe von zehen Jahren, als der Mann in meiner Vaterstadt
einzog, und ich kann mir noch heute, als wäre es gestern geschehen, die
Unruhe denken, die dieser Mann im Städtchen verursachte. Er kam
nachmittags nicht wie andere Männer auf die Kugelbahn, er kam abends
nicht ins Wirtshaus, um wie die übrigen bei einer Pfeife Tabak über die
Zeitung zu sprechen. Umsonst lud ihn nach der Reihe der Bürgermeister, der
Friedensrichter, der Doktor und der Oberpfarrer zum Essen oder Kaffee ein;
er ließ sich immer entschuldigen. Daher hielten ihn einige für verrückt, andere
für einen Juden, eine dritte Partie behauptete steif und fest, er sei ein
Zauberer oder Hexenmeister. Ich wurde achtzehn, zwanzig Jahre alt, und
noch immer hieß der Mann in der Stadt der fremde Herr.

Es begab sich aber eines Tages, daß Leute mit fremden Tieren in die Stadt
kamen. Es ist dies hergelaufenes Gesindel, das ein Kamel hat, welches sich
verbeugen kann, einen Bären, der tanzt, einige Hunde und Affen, die in
menschlichen Kleidern komisch genug aussehen und allerlei Künste
machen. Diese Leute durchziehen gewöhnlich die Stadt, halten an den
Kreuzstraßen und Plätzen, machen mit einer kleinen Trommel und einer
Pfeife eine übeltönende Musik, lassen ihre Truppe tanzen und springen und
sammeln dann in den Häusern Geld ein. Die Truppe aber, die diesmal sich
in Grünwiesel sehen ließ, zeichnete sich durch einen ungeheuren Orang-
Utang aus, der beinahe Menschengröße hatte, auf zwei Beinen ging und
allerlei artige Künste zu machen verstand. Diese Hunds- und Affenkomödie
kam auch vor das Haus des fremden Herrn. Er erschien, als die Trommel
und Pfeife ertönte, von Anfang ganz unwillig hinter den dunkeln, vom Alter
angelaufenen Fenstern. Bald aber wurde er freundlicher, schaute zu
jedermanns Verwundern zum Fenster heraus und lachte herzlich über die
Künste des Orang-Utangs. Ja, er gab für den Spaß ein so großes Silberstück,
daß die ganze Stadt davon sprach.

Am andern Morgen zog die Tierbande weiter. Das Kamel mußte viele Körbe
tragen, in welchen die Hunde und Affen ganz bequem saßen; die Tiertreiber
aber und der große Affe gingen hinter dem Kamel. Kaum aber waren sie
einige Stunden zum Tore hinaus, so schickte der fremde Herr auf die Post,
verlangte zu großer Verwunderung des Postmeisters einen Wagen und
Extrapost und fuhr zu demselben Tor hinaus den Weg hin, den die Tiere
genommen hatten. Das ganze Städtchen ärgerte sich, daß man nicht
erfahren konnte, wohin er gereist sei. Es war schon Nacht, als der fremde
Herr wieder im Wagen vor dem Tor ankam. Es saß aber noch eine Person
im Wagen, die den Hut tief ins Gesicht gedrückt und um Mund und Ohren ein
seidenes Tuch gebunden hatte. Der Torschreiber hielt es für seine Pflicht,
den andern Fremden anzureden und um seinen Paß zu bitten; er antwortete
aber sehr grob, indem er in einer ganz unverständlichen Sprache brummte.
»Es ist mein Neffe«, sagte der fremde Mann freundlich zum Torschreiber,
indem er ihm einige Silbermünzen in die Hand drückte; »es ist mein Neffe
und versteht bis dato noch wenig Deutsch. Er hat soeben in seiner Mundart
ein wenig geflucht, daß wir hier aufgehalten werden.«

»Ei, wenn es Dero Neffe ist«, antwortete der Torschreiber, »so kann er wohl
ohne Paß hereinkommen. Er wird wohl ohne Zweifel bei Ihnen wohnen?«
»Allerdings«, sagte der Fremde, »und hält sich wahrscheinlich längere Zeit
hier auf.«
Der Torschreiber hatte keine weitere Einwendung mehr, und der fremde
Herr und sein Neffe fuhren ins Städtchen. Der Bürgermeister und die ganze
Stadt war übrigens nicht sehr zufrieden mit dem Torschreiber. Er hätte doch
wenigstens einige Worte von der Sprache des Neffen sich merken sollen.
Daraus hätte man dann leicht erfahren, was für ein Landeskind er und der
Herr Onkel wäre. Der Torschreiber versicherte aber, daß es weder
Französisch noch Italienisch sei, wohl aber habe es so breit geklungen wie
Englisch, und wenn er nicht irre, so habe der junge Herr gesagt: »God
dam!« So half der Torschreiber sich selbst aus der Not und dem jungen Mann
zu einem Namen. Denn man sprach jetzt nur von dem jungen Engländer im
Städtchen.

Aber auch der junge Engländer wurde nicht sichtbar, weder auf der
Kugelbahn noch im Bierkeller; wohl aber gab er den Leuten auf andere Weise
viel zu schaffen. – Es begab sich nämlich oft, daß in dem sonst so stillen
Hause des Fremden ein schreckliches Geschrei und ein Lärm ausging, daß
die Leute haufenweise vor dem Hause stehen blieben und hinaufsahen. Man
sah dann den jungen Engländer, angetan mit einem roten Frack und grünen
Beinkleidern, mit struppigtem Haar und schrecklicher Miene unglaublich
schnell an den Fenstern hin und her, durch alle Zimmer laufen; der alte
Fremde lief ihm in einem roten Schlafrock, eine Hetzpeitsche in der Hand,
nach, verfehlte ihn oft, aber einigemal kam es doch der Menge auf der Straße
vor, als müsse er den Jungen erreicht haben, denn man hörte klägliche
Angsttöne und klatschende Peitschenhiebe die Menge. An dieser
grausamen Behandlung des fremden jungen Mannes nahmen die Frauen
des Städtchens so lebhaften Anteil, daß sie endlich den Bürgermeister
bewogen, einen Schritt in der Sache zu tun. Er schrieb dem fremden Herrn
ein Billet, worin er ihm die unglimpfliche Behandlung seines Neffen in
ziemlich derben Ausdrücken vorwarf und ihm drohte, wenn noch ferner
solche Szenen vorfielen, den jungen Mann unter seinen besonderen Schutz
zu nehmen.

Wer war aber mehr erstaunt als der Bürgermeister, wie er den Fremden
selbst, zum erstenmal seit zehn Jahren, bei sich eintreten sah! Der alte Herr
entschuldigte sein Verfahren mit dem besonderen Auftrag der Eltern des
Jünglings, die ihm solchen zu erziehen gegeben; er sei sonst ein kluger,
anstelliger Junge, äußerte er, aber die Sprachen erlerne er sehr schwer. Er
wünsche so sehnlich, seinem Neffen das Deutsche recht geläufig
beizubringen, um sich nachher die Freiheit zu nehmen, ihn in die
Gesellschaften von Grünwiesel einzuführen, und dennoch gehe demselben
diese Sprache so schwer ein, daß man oft nichts Besseres tun könne, als ihn
gehörig durchzupeitschen. Der Bürgermeister fand sich durch diese
Mitteilung völlig befriedigt, riet dem Alten zur Mäßigung und erzählte abends
im Bierkeller, daß er selten einen so unterrichteten, artigen Mann gefunden
als den Fremden. »Es ist nur schade«, setzte er hinzu, »daß er so wenig in
Gesellschaft kommt; doch ich denke, wenn der Neffe nur erst ein wenig
deutsch spricht, besucht er meine Cercles öfter.«

Durch diesen einzigen Vorfall war die Meinung des Städtchens völlig
umgeändert. Man hielt den Fremden für einen artigen Mann, sehnte sich
nach seiner näheren Bekanntschaft und fand es ganz in der Ordnung, wenn
hie und da in dem öden Hause ein gräßliches Geschrei aufging. »Er gibt dem
Neffen Unterricht in der deutschen Sprachlehre«, sagten die Grünwieseler
und blieben nicht mehr stehen. Nach einem Vierteljahr ungefähr schien der
Unterricht im Deutschen beendigt, denn der Alte ging jetzt um eine Stufe
weiter vor. Es lebte ein alter gebrechlicher Franzose in der Stadt, der den
jungen Leuten Unterricht im Tanzen gab. Diesen ließ der Fremde zu sich
rufen und sagte ihm, daß er seinen Neffen im Tanzen unterrichten lassen
wolle. Er gab ihm zu verstehen, daß derselbe zwar sehr gelehrig, aber, was
das Tanzen betreffe, etwas eigensinnig sei; er habe nämlich früher bei einem
anderen Meister tanzen gelernt, und zwar nach so sonderbaren Touren, daß
er sich nicht füglich in der Gesellschaft produzieren könne. Der Neffe halte
sich aber ebendeswegen für einen großen Tänzer, obgleich sein Tanz nicht
die entfernteste Ähnlichkeit mit Walzer oder Galopp, nicht einmal Ähnlichkeit
mit Ecossaise oder Française habe. Er versprach übrigens einen Taler für
die Stunde, und der Tanzmeister war mit Vergnügen bereit, den Unterricht
des eigensinnigen Zöglings zu übernehmen.

Es gab, wie der Franzose unter der Hand versicherte, auf der Welt nichts
so Sonderbares als diese Tanzstunden. Der Neffe, ein ziemlich großer,
schlanker junger Mann, der nur etwas sehr kurze Beine hatte, erschien in
einem roten Frack, schön frisiert, in grünen weiten Beinkleidern und
glasierten Handschuhen. Er sprach wenig und mit fremdem Akzent, war von
Anfang ziemlich artig und anstellig; dann verfiel er aber oft plötzlich in
fratzenhafte Sprünge, tanzte die kühnsten Touren, wobei er Entrechats
machte, daß dem Tanzmeister Hören und Sehen verging; wollte er ihn
zurechtweisen, so zog er die zierlichen Tanzschuhe von den Füßen, warf sie
dem Franzosen an den Kopf und setzte nun auf allen vieren im Zimmer
umher. Bei diesem Lärm fuhr dann der alte Herr plötzlich in einem weiten
roten Schlafrock, eine Mütze von Goldpapier auf dem Kopf, aus seinem
Zimmer heraus und ließ die Hetzpeitsche ziemlich unsanft auf den Rücken
des Neffen niederfallen. Der Neffe fing dann an, schrecklich zu heulen,
sprang auf Tische und hohe Kommode, ja selbst an den Kreuzstöcken der
Fenster hinauf und sprach eine fremde, seltsame Sprache. Der Alte im roten
Schlafrock aber ließ sich nicht irremachen, faßte ihn am Bein, riß ihn herab,
bleute ihn durch und zog ihm mittelst einer Schnalle die Halsbinde fester an,
worauf er immer wieder artig und manierlich wurde und die Tanzstunde ohne
Störung weiterging.

Als aber der Tanzmeister seinen Zögling so weit gebracht hatte, daß man
Musik zu der Stunde nehmen konnte, da war der Neffe wie umgewandelt.
Ein Stadtmusikant wurde gemietet, der im Saal des öden Hauses auf einen
Tisch sich setzen mußte. Der Tanzmeister stellte dann die Dame vor, indem
ihn der alte Herr einen Frauenrock von Seide und einen ostindischen Schal
anziehen ließ. Der Neffe forderte ihn auf und fing nun an, mit ihm zu tanzen
und zu walzen; er aber war ein unermüdlicher, rasender Tänzer, er ließ den
Meister nicht aus seinen langen Armen; ob er ächzte und schrie, er mußte
tanzen, bis er ermattet umsank, oder bis dem Stadtmusikus der Arm lahm
wurde an der Geige. Den Tanzmeister brachten diese Unterrichtsstunden
beinahe unter den Boden; aber der Taler, den er jedesmal richtig ausbezahlt
bekam, der gute Wein, den der Alte aufwartete, machten, daß er immer
wiederkam, wenn er auch den Tag zuvor sich fest vorgenommen hatte, nicht
mehr in das öde Haus zu gehen.

Die Leute in Grünwiesel sahen aber die Sache ganz anders an als der
Franzose. Sie fanden, daß der junge Mann viele Anlage zum
Gesellschaftlichen habe, und die Frauenzimmer im Städtchen freuten sich,
bei dem großen Mangel an Herren einen so flinken Tänzer für den nächsten
Winter zu bekommen.
Eines Morgens berichteten die Mägde, die vorn Markte heimkehrten, ihren
Herrschaften ein wunderbares Ereignis. Vor dem öden Hause sei ein
prächtiger Glaswagen gestanden, mit schönen Pferden bespannt, und ein
Bedienter in reicher Livree habe den Schlag gehalten. Da sei die Türe des
öden Hauses aufgegangen und zwei schön gekleidete Herren
herausgetreten, wovon der eine der alte Fremde und der andere
wahrscheinlich der junge Herr gewesen, der so schwer Deutsch gelernt und
so rasend tanze. Die beiden seien in den Wagen gestiegen, der Bediente
hinten aufs Brett gesprungen, und der Wagen, man stelle sich vor! sei
geradezu auf Bürgermeisters Haus zu gefahren.

Als die Frauen solches von ihren Mägden erzählen hörten, rissen sie
eilends die Küchenschürzen und die etwas unsauberen Hauben ab und
versetzten sich in Staat. »Es ist nichts gewisser«, sagten sie zu ihrer Familie,
indem alles umherrannte, um das Besuchzimmer, das zugleich zu sonstigem
Gebrauch diente, aufzuräumen, »es ist nichts gewisser, als daß der Fremde
jetzt seinen Neffen in die Welt einführt. Der alte Narr war zwar seit zehen
Jahren nicht so artig, einen Fuß in unser Haus zu setzen; aber es sei ihm
wegen des Neffen verziehen, der ein charmanter Mensch sein soll.« So
sprachen sie und ermahnten ihre Söhne und Töchter, recht manierlich
auszusehen, wenn die Fremden kämen, sich gerade zu halten und sich auch
einer besseren Aussprache zu bedienen als gewöhnlich. Und die klugen
Frauen im Städtchen hatten nicht unrecht geraten, denn nach der Reihe fuhr
der alte Herr mit seinem Neffen umher, sich und ihn in die Gewogenheit der
Familien zu empfehlen.

Man war überall ganz erfüllt von den beiden Fremden und bedauerte, nicht
schon früher diese angenehme Bekanntschaft gemacht zu haben. Der alte
Herr zeigte sich als einen würdigen, sehr vernünftigen Mann, der zwar bei
allem, was er sagte, ein wenig lächelte, so daß man nicht gewiß war, ob es
ihm Ernst sei oder nicht; aber er sprach über das Wetter, über die Gegend,
über das Sommervergnügen auf dem Keller am Berge so klug und
durchdacht, daß jedermann davon bezaubert war. Aber der Neffe! Er
bezauberte alles, er gewann alle Herzen für sich. Man konnte zwar, was sein
Äußeres betraf, sein Gesicht nicht schön nennen; der untere Teil, besonders
die Kinnlade, stand allzusehr hervor, und der Teint war sehr bräunlich; auch
machte er zuweilen allerlei sonderbare Grimassen, drückte die Augen zu und
fletschte mit den Zähnen; aber dennoch fand man den Schnitt seiner Züge
ungemein interessant. Es konnte nichts Beweglicheres, Gewandteres geben
als seine Gestalt. Die Kleider hingen ihm zwar etwas sonderbar am Leib,
aber es stand ihm alles trefflich; er fuhr mit großer Lebendigkeit im Zimmer
umher, warf sich hier in einen Sofa, dort in einen Lehnstuhl und streckte die
Beine von sich; aber was man bei einem andern jungen Mann höchst gemein
und unschicklich gefunden hätte, galt bei dem Neffen für Genialität. »Er ist
ein Engländer«, sagte man, »so sind sie alle; ein Engländer kann sich aufs
Kanapee legen und einschlafen, während zehen Damen keinen Platz haben
und umherstehen müssen; einem Engländer kann man so etwas nicht
übelnehmen.« Gegen den alten Herrn, seinen Oheim, war er sehr fügsam,
denn wenn er anfing, im Zimmer umherzuhüpfen oder, wie er gerne tat, die
Füße auf den Sessel hinaufzuziehen, so reichte ein ernsthafter Blick hin, ihn
zur Ordnung zu bringen. Und wie konnte man ihm so etwas übelnehmen, als
vollends der Onkel in jedem Haus zu der Dame sagte: »Mein Neffe ist noch
ein wenig roh und ungebildet; aber ich verspreche mir viel von der
Gesellschaft, die wird ihn gehörig formen und bilden, und ich empfehle ihn
namentlich Ihnen aufs angelegenste.«

So war der Neffe also in die Welt eingeführt, und ganz Grünwiesel sprach
an diesem und den folgenden Tagen von nichts anderem als von diesem
Ereignis. Der alte Herr blieb aber hiebei nicht stehen; er schien seine Denk und
Lebensart gänzlich geändert zu haben. Nachmittags ging er mit dem
Neffen hinaus in den Felsenkeller am Berge, wo die vornehmeren Herren
von Grünwiesel Bier tranken und sich am Kugelschieben ergötzten. Der
Neffe zeigte sich dort als einen flinken Meister im Spiel, denn er warf nie
unter fünf oder sechs; hie und da schien zwar ein sonderbarer Geist über ihn
zu kommen; es konnte ihm einfallen, daß er pfeilschnell mit der Kugel hinaus und
unter die Kegel hineinfuhr und dort allerhand tollen Rumor anrichtete,
oder wenn er den Kranz oder den König geworfen, stand er plötzlich auf
seinem schön frisierten Haar und streckte die Beine in die Höhe, oder wenn
ein Wagen vorbeifuhr, saß er, ehe man sich dessen versah, oben auf dem
Kutschenhimmel und machte Grimassen herab, fuhr ein Stückchen weit mit
und kam dann wieder zur Gesellschaft gesprungen.

Der alte Herr pflegte dann bei solchen Szenen den Bürgermeister und die
anderen Männer sehr um Entschuldigung zu bitten wegen der
Ungezogenheit seines Neffen; sie aber lachten, schrieben es seiner Jugend
zu, behaupteten, in diesem Alter selbst so leichtfüßig gewesen zu sein, und
liebten den jungen Springinsfeld, wie sie ihn nannten, ungemein.
Es gab aber auch Zeiten, wo sie sich nicht wenig über ihn ärgerten und
dennoch nichts zu sagen wagten, weil der junge Engländer allgemein als ein
Muster von Bildung und Verstand galt. Der alte Herr pflegte nämlich mit
seinem Neffen auch abends in den Goldenen Hirsch, das Wirtshaus des
Städtchens, zu kommen. Obgleich der Neffe noch ein ganz junger Mensch
war, tat er doch schon ganz wie ein Alter, setzte sich hinter sein Glas, tat eine
ungeheure Brille auf, zog eine gewaltige Pfeife heraus, zündete sie an und
dampfte unter allen am ärgsten. Wurde nun über die Zeitungen, über Krieg
und Frieden gesprochen, gab der Doktor die Meinung, der
Bürgermeister jene, waren die anderen Herren ganz erstaunt über so tiefe
politische Kenntnisse, so konnte es dem Neffen plötzlich einfallen, ganz
anderer Meinung zu sein; er schlug dann mit der Hand, von welcher er nie
die Handschuhe ablegte, auf den Tisch und gab dem Bürgermeister und dem
Doktor nicht undeutlich zu verstehen, daß sie von diesem allen nichts genau
wüßten, daß er diese Sachen ganz anders gehört habe und tiefere Einsicht
besitze.
Er gab dann in einem sonderbaren gebrochenen Deutsch seine
Meinung preis, die alle, zum großen Ärgernis des Bürgermeisters, ganz
trefflich fanden; denn er mußte als Engländer natürlich alles besser wissen.
Setzten sich dann der Bürgermeister und der Doktor in ihrem Zorn, den sie
nicht laut werden lassen durften, zu einer Partie Schach, so rückte der Neffe
hinzu, schaute dem Bürgermeister mit seiner großen Brille über die Schulter
herein und tadelte diesen oder jenen Zug, sagte dem Doktor, so und so
müsse er ziehen, so daß beide Männer heimlich ganz grimmig wurden. Bot
ihm dann der Bürgermeister ärgerlich eine Partie an, um ihn gehörig matt zu
machen, denn er hielt sich für einen zweiten Philidor, so schnallte der alte
Herr dem Neffen die Halsbinde fester zu, worauf dieser ganz artig und
manierlich wurde und den Bürgermeister matt machte.

Man hatte bisher in Grünwiesel beinahe jeden Abend Karte gespielt, die
Partie um einen halben Kreuzer; das fand nun der Neffe erbärmlich, setzte
Kronentaler und Dukaten, behauptete, kein einziger spiele so fein wie er,
söhnte aber die beleidigten Herrn gewöhnlich dadurch wieder aus, daß er
ungeheure Summen an sie verlor. Sie machten sich auch gar kein Gewissen
daraus, ihm recht viel Geld abzunehmen, denn »er ist ja ein Engländer, also
von Hause aus reich«, sagten sie und schoben die Dukaten in die Tasche.
So kam der Neffe des fremden Herrn in kurzer Zeit bei Stadt und
Umgegend in ungemeines Ansehen. Man konnte sich seit
Menschengedenken nicht erinnern, einen jungen Mann dieser Art in
Grünwiesel gesehen zu haben, und es war die sonderbarste Erscheinung,
die man je bemerkt. Man konnte nicht sagen, daß der Neffe irgend etwas
gelernt hätte als etwa tanzen. Latein und Griechisch waren ihm, wie man zu
sagen pflegt, böhmische Dörfer. Bei einem Gesellschaftsspiel in
Bürgermeisters Hause sollte er etwas schreiben, und es fand sich, daß er
nicht einmal seinen Namen schreiben konnte; in der Geographie machte er
die auffallendsten Schnitzer, denn es kam ihm nicht darauf an, eine deutsche
Stadt nach Frankreich oder eine dänische nach Polen zu versetzen; er hatte
nichts gelesen, nichts studiert, und der Oberpfarrer schüttelte oft bedenklich
den Kopf über die rohe Unwissenheit des jungen Mannes; aber dennoch fand
man alles trefflich, was er tat oder sagte, denn er war so unverschämt, immer
recht haben zu wollen, und das Ende jeder seiner Reden war: »Ich verstehe
das besser!«

So kam der Winter heran, und jetzt erst trat der Neffe mit noch größerer
Glorie auf. Man fand jede Gesellschaft langweilig, wo nicht er zugegen war,
man gähnte, wenn ein vernünftiger Mann etwas sagte; wenn aber der Neffe
selbst das törichste Zeug in schlechtem Deutsch vorbrachte, war alles Ohr.
Es fand sich jetzt, daß der treffliche junge Mann auch ein Dichter war, denn
nicht leicht verging ein Abend, an welchem er nicht einiges Papier aus der
Tasche zog und der Gesellschaft einige Sonette vorlas. Es gab zwar einige
Leute, die von dem einen Teil dieser Dichtungen behaupteten, sie seien
schlecht und ohne Sinn, einen andern Teil wollten sie schon irgendwo
gedruckt gelesen haben; aber der Neffe ließ sich nicht irre machen, er las
und las, machte dann auf die Schönheiten seiner Verse aufmerksam, und
jedesmal erfolgte rauschender Beifall.
Sein Triumph waren aber die Grünwieseler Bälle. Es konnte niemand
anhaltender, schneller tanzen als er; keiner machte so kühne und ungemein
zierliche Sprünge wie er. Dabei kleidete ihn sein Onkel immer aufs
prächtigste nach dem neuesten Geschmack, und obgleich ihm die Kleider
nicht recht am Leib sitzen wollten, fand man dennoch, daß ihn alles allerliebst
kleide. Die Männer fanden sich zwar bei diesen Tänzen etwas beleidigt durch
die neue Art, womit er auftrat. Sonst hatte immer der Bürgermeister in
eigener Person den Ball eröffnet, die vornehmsten jungen Leute hatten das
Recht, die übrigen Tänze anzuordnen; aber seit der fremde junge Herr
erschien, war dies alles ganz anders. Ohne viel zu fragen, nahm er die
nächste beste Dame bei der Hand, stellte sich mit ihr obenan, machte alles,
wie es ihm gefiel, und war Herr und Meister und Ballkönig. Weil aber die
Frauen diese Manieren ganz trefflich und angenehm fanden, so durften die
Männer nichts dagegen einwenden, und der Neffe blieb bei seiner
selbstgewählten Würde.

Das größte Vergnügen schien ein solcher Ball dem alten Herrn zu
gewähren. Er verwandte kein Auge von seinem Neffen, lächelte immer in
sich hinein, und wenn alle Welt herbeiströmte, um ihm über den anständigen,
wohlgezogenen Jüngling Lobsprüche zu erteilen, so konnte er sich vor
Freude gar nicht fassen. Er brach dann in ein lustiges Gelächter aus und
bezeugte sich wie närrisch; die Grünwieseler schrieben diese sonderbaren
Ausbrüche der Freude seiner großen Liebe zu dem Neffen zu und fanden es
ganz in der Ordnung. Doch hie und da mußte er auch sein väterliches
Ansehen gegen den Neffen anwenden, denn mitten in den zierlichsten
Tänzen konnte es dem jungen Mann einfallen, mit einem kühnen Sprung auf
die Tribüne, wo die Stadtmusikanten saßen, zu setzen, dem Organisten den
Contrebaß aus der Hand zu reißen und schrecklich darauf umherzukratzen;
oder er wechselte auf einmal und tanzte auf den Händen, indem er die Beine
in die Höhe streckte. Dann pflegte ihn der Onkel auf die Seite zu nehmen,
machte ihm dort ernstliche Vorwürfe und zog ihm die Halsbinde fester an,
daß er wieder ganz gesittet wurde.

So betrug sich nun der Neffe in Gesellschaft und auf Bällen. Wie es aber
mit den Sitten zu geschehen pflegt: die schlechten verbreiten sich immer
leichter als die guten, und eine neue, auffallende Mode, wenn sie auch
höchst lächerlich sein sollte, hat etwas Ansteckendes an sich für junge Leute,
die noch nicht über sich selbst und die Welt nachgedacht haben. So war es
auch in Grünwiesel mit dem Neffen und seinen sonderbaren Sitten. Als
nämlich die junge Welt sah, wie derselbe mit seinem linkischen Wesen, mit
seinem rohen Lachen und Schwatzen, mit seinen groben Antworten gegen
ältere eher geschätzt als getadelt werde, daß man dies alles sogar sehr
geistreich finde, so dachten sie bei sich: »Es ist mir ein leichtes, auch solch
ein geistreicher Schlingel zu werden.« Sie waren sonst fleißige, geschickte
junge Leute gewesen; jetzt dachten sie: »Zu was hilft Gelehrsamkeit, wenn
man mit Unwissenheit besser fortkömmt?« Sie ließen die Bücher liegen und
trieben sich überall umher auf Plätzen und Straßen. Sonst waren sie artig
gewesen und höflich gegen jedermann, hatten gewartet, bis man sie fragte,
und anständig und bescheiden geantwortet. Jetzt standen sie in die Reihe
der Männer, schwatzten mit, gaben ihre Meinung preis und lachten selbst
dem Bürgermeister unter die Nase, wenn er etwas sagte, und behaupteten,
alles viel besser zu wissen.

Sonst hatten die jungen Grünwieseler Abscheu gehegt gegen rohes und
gemeines Wesen. Jetzt sangen sie allerlei schlechte Lieder, rauchten aus
ungeheuren Pfeifen Tabak und trieben sich in gemeinen Kneipen umher;
auch kauften sie sich, obgleich sie ganz gut sahen, große Brillen, setzten
solche auf die Nase und glaubten, nun gemachte Leute zu sein, denn sie
sahen ja aus wie der berühmte Neffe. Zu Hause oder wenn sie auf Besuch
waren, lagen sie mit Stiefel und Sporen aufs Kanapee, schaukelten sich auf
dem Stuhl in guter Gesellschaft oder stützten die Wangen in beide Fäuste,
die Ellbogen aber auf den Tisch, was nun überaus reizend anzusehen war.
Umsonst sagten ihnen ihre Mütter und Freunde, wie töricht, wie unschicklich
dies alles sei; sie beriefen sich auf das glänzende Beispiel des Neffen.
Umsonst stellte man ihnen vor, daß man dem Neffen, als einem jungen
Engländer, eine gewisse Nationalroheit verzeihen müsse; die jungen
Grünwieseler behaupteten, ebensogut als der beste Engländer das Recht zu
haben, auf geistreiche Weise ungezogen zu sein; kurz, es war ein Jammer,
wie durch das böse Beispiel des Neffen die Sitten und guten Gewohnheiten
in Grünwiesel völlig untergingen.

Aber die Freude der jungen Leute an ihrem rohen, ungebundenen Leben
dauerte nicht lange, denn folgender Vorfall veränderte auf einmal die ganze
Szene. Die Wintervergnügungen sollte ein großes Konzert beschließen, das
teils von den Stadtmusikanten, teils von geschickten Musikfreunden in
Grünwiesel aufgeführt werden sollte. Der Bürgermeister spielte das
Violoncell, der Doktor das Fagott ganz vortrefflich, der Apotheker, obgleich
er keinen rechten Ansatz hatte, blies die Flöte, einige Jungfrauen aus
Grünwiesel hatten Arien einstudiert, und alles war trefflich vorbereitet. Da
äußerte der alte Fremde, daß zwar das Konzert auf diese Art trefflich werden
würde, es fehle aber offenbar an einem Duett, und ein Duett müsse in jedem
ordentlichen Konzert notwendigerweise vorkommen. Man war etwas
betreten über diese Äußerung; die Tochter des Bürgermeisters sang zwar
wie eine Nachtigall; aber wo einen Herrn herbekommen, der mit ihr ein Duett
singen könnte? Man wollte endlich auf den alten Organisten verfallen, der
einst einen trefflichen Baß gesungen hatte; der Fremde aber behauptete,
dies alles sei nicht nötig, indem sein Neffe ganz ausgezeichnet singe. Man
war nicht wenig erstaunt über diese neue treffliche Eigenschaft des jungen
Mannes; er mußte zur Probe etwas singen, und einige sonderbare Manieren
abgerechnet, die man für englisch hielt, sang er wie ein Engel. Man studierte
also in aller Eile das Duett ein, und der Abend erschien endlich, an welchem
die Ohren der Grünwieseler durch das Konzert erquickt werden sollten.

Der alte Fremde konnte leider dem Triumph seines Neffen nicht beiwohnen,
weil er krank war; er gab aber dem Bürgermeister, der ihn eine Stunde zuvor
noch besuchte, einige Maßregeln über seinen Neffen auf. »Es ist eine gute
Seele, mein Neffe«, sagte er, »aber hie und da verfällt er in allerlei
sonderbare Gedanken und fängt dann tolles Zeug an. Es ist mir
ebendeswegen leid, daß ich dem Konzert nicht beiwohnen kann, denn vor
mir nimmt er sich gewaltig in acht, er weiß wohl, warum! Ich muß übrigens
zu seiner Ehre sagen, daß dies nicht geistiger Mutwille ist, sondern es ist
körperlich, es liegt in seiner ganzen Natur. Wollten Sie nun, Herr
Bürgermeister, wenn er etwa in solche Gedanken verfiele, daß er sich auf
ein Notenpult setzte, oder daß er durchaus den Contrebaß streichen wollte
oder dergleichen, wollten Sie ihm dann nur seine hohe Halsbinde etwas
lockerer machen oder, wenn es auch dann nicht besser wird, ihm solche
ganz ausziehen? Sie werden sehen, wie artig und manierlich er dann wird.«
Der Bürgermeister dankte dem Kranken für sein Zutrauen und versprach,
im Fall der Not also zu tun, wie er ihm geraten.

Der Konzertsaal war gedrängt voll, denn ganz Grünwiesel und die
Umgegend hatte sich eingefunden. Alle Jäger, Pfarrer, Amtleute, Landwirte
und dergleichen aus dem Umkreis von drei Stunden waren mit zahlreicher
Familie herbeigeströmt, um den seltenen Genuß mit den Grünwieselern zu
teilen. Die Stadtmusikanten hielten sich vortrefflich; nach ihnen trat der
Bürgermeister auf, der das Violoncell spielte, begleitet vom Apotheker, der
die Flöte blies. Nach diesen sang der Organist eine Baßarie mit allgemeinem
Beifall, und auch der Doktor wurde nicht wenig beklatscht, als er auf dem
Fagott sich hören ließ.
Die erste Abteilung des Konzertes war vorbei, und jedermann war nun auf
die zweite gespannt, in welcher der junge Fremde mit des Bürgermeisters
Tochter ein Duett vortragen sollte. Der Neffe war in einem glänzenden Anzug
erschienen und hatte schon längst die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf
sich gezogen. Er hatte sich nemlich, ohne viel zu fragen, in den prächtigen
Lehnstuhl gelegt, der für eine Gräfin aus der Nachbarschaft hergesetzt
worden war. Er streckte die Beine weit von sich, schaute jedermann durch
ein ungeheures Perspektiv an, das er noch außer seiner großen Brille
gebrauchte, und spielte mit einem großen Fleischerhund, den er, trotz des
Verbotes, Hunde mitzunehmen, in die Gesellschaft eingeführt hatte. Die
Gräfin, für welche der Lehnstuhl bereitet war, erschien; aber wer keine Miene
machte, aufzustehen und ihr den Platz einzuräumen, war der Neffe. Er setzte
sich im Gegenteil noch bequemer hinein, und niemand wagte es, dem jungen
Mann etwas darüber zu sagen; die vornehme Dame aber mußte auf einem
ganz gemeinen Strohsessel mitten unter die übrigen Frauen des Städtchens
sitzen und soll sich nicht wenig geärgert haben.

Während des herrlichen Spieles des Bürgermeisters, während des
Organisten trefflicher Baßarie, ja sogar während der Doktor auf dem Fagott
phantasierte und alles den Atem anhielt und lauschte, ließ der Neffe den
Hund das Schnupftuch apportieren oder schwatzte ganz laut mit seinen
Nachbarn, so daß jedermann, der ihn nicht kannte, über die absonderlichen
Sitten des jungen Herrn sich wunderte.
Kein Wunder daher, daß alles sehr begierig war, wie er sein Duett vortragen
würde. Die zweite Abteilung begann. Die Stadtmusikanten hatten etwas
weniges aufgespielt, und nun trat der Bürgermeister mit seiner Tochter zu
dem jungen Mann, überreichte ihm ein Notenblatt und sprach: »Mosjöh! wäre
es Ihnen jetzt gefällig, das Duetto zu singen?« Der junge Mann lachte,
fletschte mit den Zähnen, sprang auf, und die beiden andern folgten ihm an
das Notenpult, und die ganze Gesellschaft war voll Erwartung. Der Organist
schlug den Takt und winkte dem Neffen, anzufangen. Dieser schaute durch
seine großen Brillengläser in die Noten und stieß gräuliche, jämmerliche
Töne aus. Der Organist aber schrie ihm zu: »Zwei Töne tiefer, Wertester, C
müssen Sie singen, C!«

Statt aber C zu singen, zog der Neffe einen seiner Schuhe ab und warf ihn
dem Organisten an den Kopf, daß der Puder weit umherflog. Als dies der
Bürgermeister sah, dachte er: »Ha! jetzt hat er wieder seine körperlichen
Zufälle«, sprang hinzu, packte ihn am Hals und band ihm das Tuch etwas
leichter; aber dadurch wurde es nur noch schlimmer mit dem jungen Mann.
Er sprach nicht mehr deutsch, sondern eine ganz sonderbare Sprache, die
niemand verstand, und machte große Sprünge. Der Bürgermeister war in
Verzweiflung über diese unangenehme Störung; er faßte daher den
Entschluß, dem jungen Mann, dem etwas ganz Besonderes zugestoßen sein
mußte, das Halstuch vollends abzulösen. Aber kaum hatte er dies getan, so
blieb er vor Schrecken wie erstarrt stehen, denn statt menschlicher Haut und
Farbe umgab den Hals des jungen Menschen ein dunkelbraunes Fell, und
alsobald setzte derselbe auch seine Sprünge noch höher und sonderbarer
fort, fuhr sich mit den glasierten Handschuhen in die Haare, zog diese ab,
und o Wunder! diese schönen Haare waren eine Perücke, die er dem
Bürgermeister ins Gesicht warf, und sein Kopf erschien jetzt mit demselben
braunen Fell bewachsen.

Er setzte über Tische und Bänke, warf die Notenpulte um, zertrat Geigen
und Klarinette und erschien wie ein Rasender. »Fangt ihn, fangt ihn«, rief der
Bürgermeister ganz außer sich, »er ist von Sinnen, fangt ihn!« Das war aber
eine schwierige Sache, denn er hatte die Handschuhe abgezogen und zeigte
Nägel an den Händen, mit welchen er den Leuten ins Gesicht fuhr und sie
jämmerlich kratzte. Endlich gelang es einem mutigen Jäger, seiner habhaft
zu werden. Er preßte ihm die langen Arme zusammen, daß er nur noch mit
den Füßen zappelte und mit heiserer Stimme lachte und schrie. Die Leute
sammelten sich umher und betrachteten den sonderbaren jungen Herrn, der
jetzt gar nicht mehr aussah wie ein Mensch. Aber ein gelehrter Herr aus der
Nachbarschaft, der ein großes Naturalienkabinett und allerlei ausgestopfte
Tiere besaß, trat näher, betrachtete ihn genau und rief dann voll
Verwunderung: »Mein Gott, verehrte Herren und Damen, wie bringen Sie nur
dies Tier in honette Gesellschaft? Das ist ja ein Affe, der Homo Troglodytes
Linnaei; ich gebe sogleich sechs Taler für ihn, wenn Sie mir ihn ablassen,
und balge ihn aus für mein Kabinett.«

Wer beschreibt das Erstaunen der Grünwieseler, als sie dies hörten! »Was,
ein Affe, ein Orang-Utang in unserer Gesellschaft? Der junge Fremde ein
ganz gewöhnlicher Affe!« riefen sie und sahen einander ganz dumm vor
Verwunderung an. Man wollte nicht glauben, man traute seinen Ohren nicht,
die Männer untersuchten das Tier genauer, aber es war und blieb ein ganz
natürlicher Affe.
»Aber wie ist dies möglich!« rief die Frau Bürgermeisterin. »Hat er mir nicht
oft seine Gedichte vorgelesen? Hat er nicht wie ein anderer Mensch bei mir
zu Mittag gespeist?«
»Was?« eiferte die Frau Doktorin. »Wie? Hat er nicht oft und viel den Kaffee
bei mir getrunken und mit meinem Mann gelehrt gesprochen und geraucht?«
»Wie! Ist es möglich!« riefen die Männer. »Hat er nicht mit uns am
Felsenkeller Kugeln geschoben und über Politik gestritten wie unsereiner?«
»Und wie?« klagten sie alle. »Hat er nicht sogar vorgetanzt auf unsern
Bällen? Ein Affe! Ein Affe? Es ist ein Wunder, es ist Zauberei!«

»Ja, es ist Zauberei und teuflischer Spuk«, sagte der Bürgermeister, indem
er das Halstuch des Neffen oder Affen herbeibrachte. »Seht! In diesem Tuch
steckte der ganze Zauber, der ihn in unsern Augen liebenswürdig machte.
Da ist ein breiter Streifen elastischen Pergaments, mit allerlei wunderlichen
Zeichen beschrieben. Ich glaube gar, es ist Lateinisch; kann es niemand
lesen?«
Der Oberpfarrer, ein gelehrter Mann, der oft an den Affen eine Partie
Schach verloren hatte, trat hinzu, betrachtete das Pergament und sprach:
»Mitnichten! Es sind nur lateinische Buchstaben, es heißt:
Der – Affe – sehr – possierlich – ist –
zumal – wenn – er – vom – Apfel – frißt –
Ja, ja, es ist höllischer Betrug, eine Art von Zauberei«, fuhr er fort, »und es
muß exemplarisch bestraft werden.«
Der Bürgermeister war derselben Meinung und machte sich sogleich auf
den Weg zu dem Fremden, der ein Zauberer sein mußte, und sechs
Stadtsoldaten trugen den Affen, denn der Fremde sollte sogleich ins Verhör
genommen werden.

Sie kamen, umgeben von einer ungeheuren Anzahl Menschen, an das öde
Haus, denn jedermann wollte sehen, wie sich die Sache weiter begeben
würde. Man pochte an das Haus, man zog die Glocke; aber vergeblich, es
zeigte sich niemand. Da ließ der Bürgermeister in seiner Wut die Türe
einschlagen und begab sich hierauf in die Zimmer des Fremden. Aber dort
war nichts zu sehen als allerlei alter Hausrat. Der fremde Mann war nicht zu
finden. Auf seinem Arbeitstisch aber lag ein großer versiegelter Brief, an den
Bürgermeister überschrieben, den dieser auch sogleich öffnete. Er las:
»Meine lieben Grünwieseler!
Wenn Ihr dies leset, bin ich nicht mehr in Eurem Städtchen, und Ihr
werdet dann längst erfahren haben, wes Standes und Vaterlandes mein
lieber Neffe ist. Nehmet den Scherz, den ich mir mit Euch erlaubte, als
eine gute Lehre auf, einen Fremden, der für sich leben will, nicht in
Eure Gesellschaft zu nötigen! Ich selbst fühlte mich zu gut, um Euer
ewiges Klatschen, um Eure schlechten Sitten und Euer lächerliches
Wesen zu teilen. Darum erzog ich einen jungen Orang-Utang, den Ihr
als meinen Stellvertreter so liebgewonnen habt. Lebet wohl und
benützet diese Lehre nach Kräften!«

Die Grünwieseler schämten sich nicht wenig vor dem ganzen Land. Ihr
Trost war, daß dies alles mit unnatürlichen Dingen zugegangen sei. Am
meisten schämten sich aber die jungen Leute in Grünwiesel, weil sie die
schlechten Gewohnheiten und Sitten des Affen nachgeahmt hatten. Sie
stemmten von jetzt an keinen Ellbogen mehr auf, sie schaukelten nicht mit
dem Sessel, sie schwiegen, bis sie gefragt wurden, sie legten die Brillen ab
und waren artig und gesittet wie zuvor, und wenn je einer wieder in solche
schlechte, lächerliche Sitten verfiel, so sagten die Grünwieseler: »Es ist ein
Affe.« Der Affe aber, welcher so lange die Rolle eines jungen Herrn gespielt
hatte, wurde dem gelehrten Mann, der ein Naturalienkabinett besaß,
überantwortet. Dieser läßt ihn in seinem Hof umhergehen, füttert ihn und
zeigt ihn als Seltenheit jedem Fremden, wo er noch bis auf den heutigen Tag
zu sehen ist.